Schule des Rades

Wilhelmine Keyserling

Mensch zwischen Himmel und Erde

IV. Über die Chakren - Betrachtung und Erfahrung

V. Wort zu werden

Die Stimme der Stille zu hören, die aus der inneren Leere auftaucht. Dieses innere Wort ist eine Brücke zwischen Nagual und Tonal, Potentialität und Aktualität. Es ist auf Verwirklichung gerichtet. Wenn ich durch eine Situation der Wirrnis in die Stille dringe, und höre, oder spüre ganz eindeutig lieb sein, oder es ist viel einfacher, so kann ich in Bezug auf dieses Geschehen, lieb oder einfach werden.
Er hat in seinen Worten die Sache — heißt es im I Ging; eine Verbindung von Intuition, Erfahrung, Vernunft und besonders Tun. Wie dankbar sind wir für solche Worte, wenn sie uns geschenkt werden, oder wenn wir sie geben konnten. Entspringen nicht alle wesentlichen Aussagen und Entdeckungen diesem Wort, das dem Fragenden in einer ganz bestimmten Lage zur Antwort wird?
— Leere Worte — wir kennen auch diese.
So lernt der Edle viele Worte der Vorzeit und Taten der Vergangenheit kennen (I Ging); wieder die Verbindung Mensch, Wort, Tat.

Die Stimme der Stille ist jenseits der vielen Stimmen, der Monologe und Dialoge, die als Gedankenfolgen wie Tonbänder in uns ablaufen. Manchmal werden sie so lästig, dass wir sie nicht hören wollen — und wir können sie nicht abstellen. Was in Yogatechniken und vielen anderen Methoden nahegelegt wird, ist — nach verschiedenartiger Vorbereitung, es könnte auch ein Spaziergang im Wald sein — zurückzutreten, und diesen Selbstgesprächen ganz genau Gehör zu schenken, in der Absicht, Vertreter des unvoreingenommenen Zeugen in uns zu sein. Wenn wir diese Kleinarbeit gewissenhaft vornehmen, taucht der Zeuge in uns immer häufiger auf. Sein Zeugnis ist Schweigen. Ich bin der Zeuge, und ihm entspringt die Stimme der Stille — mir entspringt die Stimme der Stille.

Der Vertreter des Zeugen redet. Er ist mein weiseres Selbst. Er hört sich unsere eingespielten Redensarten ganz aufmerksam an: unsere Erklärungen, Begründungen, Rechtfertigungen, Beschimpfungen, Phantasiegespinste, Selbstmitleid und Sorgen, unsere Ängste, unser Wichtigmachen — die Ausschmückungen unserer Selbstbilder. Er ist der Lehrer in uns, und wir können gut mit ihm arbeiten. Er ist gütig und weise; man braucht ihm nichts zu verbergen. In diesem Gedankenspiel wird nicht verurteilt, sondern nur richtiggestellt. — Ich bin gerade draufgekommen, dass ich ihm Gedanken des Selbstlobes verheimlichen wollte, und habe gestaunt, welche Angst ich vor Selbstlob habe. Dabei hatte nur eine Stimme in mir verlautbart ich bin ein dankbarer Mensch; die Formulierung ist nicht ganz richtig — aber gleich sagte eine andere Pfui, Selbstlob! Und dann sagte mein Lehrer, du hast die Gabe der Dankbarkeit und darfst dich darüber freuen. Ja, man muss dauernd verständnisvoll lächelnd staunen. Ich habe mich dann an den dummen Satz erinnert, den ich von meiner Mutter als Kind oft hörte: Eigenlob stinkt, Fremdenlob riecht nach Schokolade.

Wir dürfen aber nicht meinen, dass man untätig sitzen muss, sich selbst auf die Couch legen, um die Gespräche zwischen dem Vertreter des Zeugen und unseren verschiedenen Kasperln zu erfassen. Im Gegenteil, während der unidentifizierten Zuwendung im Tun, kann man sie am besten belauschen. Jeder kennt bestimmte Tätigkeiten, wo er sich ganz zuwendet, ohne identifiziert zu sein, das heißt, sich von der Tätigkeit mitreißen und bedingen zu lassen. Mancher ist beim Telephonieren, beim Autofahren oder Kochen so zugewandt und so frei, dass er mit der Wortebene seiner Einfälle in Beziehung kommt. In den Lehren des Zen finden wir viele Anregungen zu dieser Art der Zuwendung.

Viele Lehren und Lehrer haben Schilderungen dieser Wortebenen gebracht; ich will auch versuchen, ein Beispiel zu geben — nicht als objektive Wahrheit, sondern als Anregung zur Erfahrung und Beobachtung dieses Phänomens. Ein Bekannter kommt, er möchte ein Buch abholen. Wie geht es dir, ich habe das Buch schon bereitgestellt, sage ich freundlich, auf der ersten, der Kommunikationsebene. Auf der zweiten: Gerade jetzt, wo ich endlich in Ruhe schreiben wollte! Dann sagt mein Lehrer: Vertraue! Du bist deine Zeit, alles ist einbegriffen. Ich setze mich mit meinem Bekannten, und lasse meine Vorhaben fallen, lasse mich fallen, in die vierte Ebene, wo aus der Liebe und Ruhe Keime einer unbekannten Verwirklichung entspringen, und vielleicht spreche ich mit einer Geste oder einem Wort etwas in ihm an, das sein eigentliches, und beiden unbewusstes Anliegen betrifft.

Und ich brauche die Weisheit nicht allein aus mir zu schöpfen. Die Leere, die Stille ist das Medium der Kommunion mit allen Wesenheiten, die mir wohl wollen.

Mit der Meditation des OM ist es ähnlich. Wenn im Lassen Körper und Atemstrom bereitet sind, beginne ich die Silbe OM mit dem Atem einströmen zu lassen. Zuerst — jedenfalls zum ersten Mal — höre ich sie auf der Wortebene, die ich verwende, wenn ich sage, Wo ist der Besen. Dann lausche ich den feineren Schwingungen des O und M, und den noch feineren; bis ich an den Ursprung der Lautschwingungen komme, wo O im M und M im O enthalten, in die Große Einung münden.

Jede der Wortebenen ist gleich wesentlich. Wenn wir vier Ebenen annehmen, so gelangt das Wort der Stille schließlich über die gewöhnliche Kommunikationsebene zur Verwirklichung. Das Gleichgewicht der Ebenen ist ausschlaggebend. Wenn wir uns mit der ersten identifizieren, hören wir die anderen nicht; und auf den ersten zwei Ebenen haben sich die assoziativen Abläufe selbständig gemacht.

Die Kommunikations- und Informationsebene ist außerdem überlastet und wird missbraucht. Die Fähigkeit der Beobachtung ist, besonders in der städtischen Zivilisation, so vernachlässigt, dass die verbale Ebene benützt wird von Wo ist der Lichtschalter? angefangen, um Sachverhalte zu klären, die mit dem Auge besser festgestellt werden könnten. Nimmst du Zucker im Tee? Nein danke, kann auch über die Geste liebenswürdig ausgedrückt werden, während man sich anderen Betrachtungen widmet. Dazu kommt noch, dass in der sogenannten Gesellschaft das Schweigen als unhöflich empfunden wurde; was immer gesagt werde, sei besser als nichts. Wenn es bewusst geschieht, als Gefährt des seelischen Wohlseins, mag das stimmen; aber wie leicht wird diese Art der Rede zu einem mechanischen Ablauf.

Ein Schamane erzählte mir von einer Aufgabe, die sein Lehrer, sein Großvater, wie sie die weisen Männer bezeichnen, den Jungen stellte. Besuch war ins Lager gekommen. Die Jungen sollten in der Nähe der Gäste weilen, ohne mit ihnen zu reden, oder sie auch nur direkt anzublicken. Nach einigen Tagen der Offenheit auf verschiedenen Wahrnehmungsebenen, wussten sie sehr viel über diese Menschen, ja sie konnten sogar die Landschaft ihrer Heimat beschreiben.

Wilhelmine Keyserling
Mensch zwischen Himmel und Erde · 1985
IV. Über die Chakren - Betrachtung und Erfahrung
© 1998- Schule des Rades
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